• Katrin Reichelt

Von den Tücken des Älterwerdens



Kennt ihr das Buch von Ildikó von Kürthy: Neuland?

Das erste Mal gelacht habe ich bei dem Untertitel: „Wie ich mich selber suchte und jemand ganz anderen fand“. Wenn ich ihre Bücher lese – und es begann mit "Mondscheintarif" – fühle ich mich vor allem eins: erwischt. Auf eine wunderbare Weise, die das Gefühl von Alleinsein vertreibt.


Auf dem Weg nach Nordrhein-Westfalen las ich einen Auszug im Bahn-Magazin und lud mir in den rar gesäten Nicht-Funklöchern hinterm Teutoburger Wald gleich das ganze Buch herunter.

Kürthy ist für mich das Pendant zu Loriot: Nur dass sie nicht andere karrikiert, sondern sich selbst. Und mich. Und so ziemlich den Rest der weiblichen Nation, die ich so kenne.


Die Geschichte: Sie hofft, mit einem einjährigen Selbstversuch und bevor sie 50 wird, sich selbst in die Frau zu verwandeln, die sie vielleicht noch nicht entdeckt hat (solange es nur nicht sie selbst ist!). Dazu ist ihr jedes Mittel recht: Yoga, Mayr-Fasten, Hospizarbeit, auf der Isomatte schlafen, Zumba, null Alkohol und ebenso wenig Gluten; die dunklen Haare werden blond, die Speckröllchen weichen der Traumfigur dank Schoki-Entzug. Kommt euch das irgendwie bekannt vor?


Eigentlich noch ganz rüstig.


Ich musste spontan daran denken, als ich 50 wurde. Am nächsten Tag traf ich einen jungen Volontär in der Redaktion. „Machen Sie sich nichts draus“, raunte er mit gedämpfter Stimme. „Meine Mutter hat eine Freundin, die ist genauso alt und die ist noch total rüstig.“

Irgendetwas muss mit meinem Unterkiefer passiert sein, jedenfalls fühlte er sich verpflichtet, nachzulegen. „Nein wirklich“, versicherte er tröstend, „die versteht echt noch alles.“


IRGENDWAS GEHT IMMER.


Einige Jahre später – ich hatte inzwischen Grafikdesign in Eigenregie gelernt, erstmalig Webseiten entwickelt, einen Bestseller geschrieben und steigerte unaufhaltsam die Auflage eines großen Kundenmagazins – brauchte ich eine neue Kreditkarte. Der Bankangestellte empfahl mir die goldene, nachdem er einen Blick auf meine Daten geworfen hatte: „In Ihrem Alter kann man ja öfter mal eine Reise aus gesundheitlichen Gründen nicht antreten“, erklärte er mitfühlend und sprach dabei zur Sicherheit ganz langsam. „Da sind Sie dann gleich versichert.“ Ja, guter Punkt.


Noch mehr Jahre später gründeten wir unser Familienunternehmen: FLOUR REBELS. Ich rief erneut meine Hausbank an… was ich sonst seit der Goldkarten-Empfehlung eher vermeide. Wer weiß, vielleicht haben sie ja irgendwo eine Falltür für ältere Herrschaften wie mich eingebaut. Jedenfalls begehrte ich ein GmbH-Konto für die Firma, auf die ich unendlich stolz bin.

„Das können wir für Sie einrichten“, erklärte der zweifelsfrei junge Mann am Telefon. „Für Start Ups sind wir hier nicht zuständig, aber das kommt ja für Sie wahrscheinlich sowieso nicht infrage. Warum sollten Sie sich so was in Ihrem Alter noch antun?“

Ja, richtig. Warum sollte ich? Warum ertränke ich mich nicht gleich in der Alster?

Ich saß im Zug und wenn ich mich nicht wieder fand, dann garantiert jemanden, den ich gut, mittelgut oder nur wenig kenne. Wenn Lachen gesund ist, dann bin ich von so ungefähr allem geheilt!

Über sechs Millionen von Büchern hat Ildikó von Kürthy bisher verkauft, schreibt trotz ihres hohen Alters von deutlich über 50 weiter. Für ihren schonungslosen Humor muss man fähig sein zur Selbstbetrachtung, sonst glaubt man womöglich, es betrifft einen nicht.

Es gibt ja auch Leute, die Loriot nicht mögen.


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