• Katrin Reichelt

Das Ich, das du nicht siehst…

Aktualisiert: Mai 29



Es gibt nichts Gefährlicheres, als die Wahrheit zu sagen. So wie jeder sie individuell empfindet. Es gibt einen stillen Pakt, der – glaubt man US-Talk-Ikone Oprah und Harry of Sussex – global die Seele von etwa 80 Prozent der Menschheit in sich selbst gefangen hält… sei es in der Liebe, in der Familie, am Arbeitsplatz oder in Freundschaften. Es scheint nahezu unverzeihlich, wenn die Seele nicht so funktioniert, wie sie es aus deiner und/oder der Sicht deiner Mitmenschen sollte.


Die Wahrheit kommt oft so plötzlich und unerwartet wie der Tod und lässt die Hinterbliebenen ratlos und mit leeren Händen zurück. „Die Frage, die wir dann stellen sollten“, sagt der verstoßene Prinz, „ist nicht ‚Was stimmt mit dir nicht! (weil du es wagst, die Wahrheit über dich selbst zu sagen)?‘, sondern: ‚Was ist dir passiert (dass du es nicht länger erträgst, sie nicht zu sagen)‘?“


The Me You Can’t See. : Die neue Serie auf Apple TV entstand in einer Cooperation von Oprah Winfrey und Prinz Harry, der es wagte, seine Angstzustände, seine Depressionen, seine Verletzlichkeit öffentlich zu machen. Ein Tabubruch ohnegleichen. Einer, der mich mitten ins Herz traf.



In seinem Fall brach ein Shitstorm los: die Art von Shitstorm, die jede(r) zutiefst befürchtet, wenn die Maske fällt und sich zeigt, was tatsächlich dahinter ist.

Es geht um mentale Gesundheit.

In der Doku-Serie geht es um Menschen, deren Seele sich schleichend oder plötzlich und aus unterschiedlichsten Gründen Richtung Dunkelheit dreht. Die mehr Schmerz erleben, als sie verarbeiten können. Und die lange nicht wagen, darüber zu sprechen; um Hilfe zu bitten, weil sie nicht in der „Psycho-Ecke“ landen wollen.

Jedes Organ darf so krank sein, wie es möchte. Nicht jedoch die Seele.

Wer Zöliakie hat,

kennt in vielen Fällen den lähmenden Energieabfall, die Konzentrationsprobleme, die im Gehirn einsetzen, wenn man mit Gluten in Berührung kommt: Brain Fog. Die Zeiten von Depression mit (oft) unbekannter Ursache. Die Panik vor Restaurants, weil du nicht weißt, wie es dir während oder nach dem Essen gehen wird. Die Hypersensibilität in dir selbst, die Unverständnis und Ignoranz gegenüber Zöliakie immer schneller persönlich nimmt. Die Traurigkeit, sich ständig rechtfertigen zu müssen und als „anders“ betrachtet zu werden. Das Bedürfnis, jede Zutat im Essen doppelt zu kontrollieren, die leicht zur Obsession werden kann – besonders, wenn die eigenen Kinder betroffen sind.


Nicht nur der Darm, auch das Gehirn kann bei Zöliakie in besonders stressreichen Zeiten unter Dauerdurchfall leiden.





Wenn die Katze aus dem Sack ist


Es ist eine Sache, über die vielen körperlichen Folgen der Glutenintoleranz zu sprechen. Oder über die gesundheitlichen Konsequenzen, die schwerwiegend und im schlimmsten Fall sogar tödlich sein können.

Es ist eine völlig andere, die psychischen Folgen a. zu erkennen und b. zu benennen, ohne für (noch) verrückt(er) gehalten zu werden.

Es braucht den ganzen Mut von uns Erwachsenen, diese Symptome genauso selbstverständlich anzusprechen wie die körperlichen. Schon allein, um den Kreislauf des Schweigens für unsere Kinder zu durchbrechen, wenn sie vielleicht an AD(H)S oder unkontrollierbaren Wutausbrüchen leiden oder sich selbst verletzen, ebenfalls mögliche Folgen einer Zöliakie.

Denn was sie im letzten Jahr durch Corona an Isolation, Einschränkung und Schuldzuweisung erlitten und erduldet haben, wirkt wie ein Brandbeschleuniger auf ihre Körper und Seelen – mit, aber auch ohne Zöliakie!

Falls sie unter beidem leiden, ist es umso wichtiger, den Schmerz zu benennen. Erst jenseits des Schweigens beginnt eine neue Möglichkeit.


Heute ist Pfingsten: der Tag, an dem die Menschen plötzlich die fremden Sprachen der anderen Menschen verstanden. Heute wäre ein guter Anfang.

All die zuvor genannten Symptome können auch ohne Glutenprobleme auftreten, einfach "nur so", ohne greifbare Auslöser. Was dann? Dann gilt das Gleiche.


Ich bin zutiefst dankbar, dass es da draußen Menschen gibt, deren Stimme Gewicht und Reichweite hat; deren persönliche Lebenserfahrung sagt: „Es gibt Hilfe. Wir hören dich. Es gibt Hoffnung. Wir sehen das Du, das niemand sieht.“ Und allein das ist schon der erste Schritt zur Heilung.


Falls ihr also Apple TV habt oder jemanden kennt, der es hat: Dies kann der Auftakt zu einem Gespräch sein, das euch womöglich an Orte führt, von denen ihr nichts geahnt habt.

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