• Katrin Reichelt

Gendersprache



Der Versuch der Gleichstellung aller Geschlechter wird immer abstruser. Muttermilch soll nun nach Möglichkeit Menschenmilch genannt werden. Damit wäre das Problem der Geschlechter-Diskriminierung ja dann fast annähernd gelöst.

Wenn das so weitergeht, darf man bald nicht mehr 'der Baum' sagen, sondern stattdessen 'die Baum'. Oder das. Oder Bäum*in. Nicht mehr die Blume, sondern der Blume. Rechtschreibreform 2.0.

Was für meinen Geschmack etwas zu sehr ins Hintertreffen gerät, ist die Tatsache, dass Diskriminierung, die Ungleichstellung und Herabsetzung verschiedener Menschengruppen, nicht im Mund, sondern im Gehirn beginnt. Es gäbe rein theoretisch ein weites Feld, um die Benachteiligung von allen, die einfach nur anders sind als man selbst, erfolgreich zu bearbeiten.


Dadurch, dass wir alles, was zuvor grammatikalisch männlich war, mit einem *innen oder sonst was versehen, ist die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen nicht abgeschafft. Die Transgender-Anerkennung nicht gegeben. Und auch nicht die routinemäßig ausgeübte Brutalität gegen Frauen und Kinder, die erst seit Kurzem "nicht erlaubt" ist.

„Durch die Gewalt von Männern sind im letzten Jahrhundert mehr Frauen gestorben als durch alle Kriege zusammen“, sagt Journalist und Pulitzer-Preisträger Nicholas Kristof von der New York Times. Sein Buch Die Hälfte des Himmels ist ein erschütternder Augenöffner, was (Nicht-)Fairness in der Behandlung der Geschlechter angeht.

Wir sind Lichtjahre von gender equality entfernt. Und kein gesprochenes Wort, keine verbale Angleichung von Masculinum, Femininum und Neutrum wird das ändern. Nur neues Denken, Akzeptanz, Selbstreflexion, die Erweiterung des Bewusstseins über den eigenen Gartenzaun hinaus wird hoffentlich irgendwann einen Wandel einläuten… egal, welchem der vielen Geschlechter oder welcher sexuellen Orientierung wir angehören; welcher religiösen oder gesellschaftlichen Kaste, welcher Hautfarbe oder Nation.

Wie gleich ist gleich?


Es wäre schön, wenn die Architektur der Diskriminierung allein mit neuen Wortvorschriften eliminiert werden könnte. Doch wenn dem so wäre, würden diese Kluften in Ländern mit weitgehend geschlechtsneutraler Sprache wie z. B. Englisch nicht existieren.


Dem ist beileibe nicht so. Der Begriff des „Untermenschen“ wurde als vorläufiger Höhepunkt der Ungleichheit in den USA zur Zeit der Sklaverei eingeführt.

Die Folgen – das verbriefte Recht auf Diskriminierung – von schwarz gegenüber weiß, von Frau gegenüber Mann, von queer gegenüber hetero, reichen bis in unsere Zeit. Die Nazis haben den Begriff für ihre spätere "Rassenhygiene"-Politik nicht erschaffen, sondern übernommen, was es kein Deut besser macht. Wir müssen nur die Nachrichten sehen, um zu begreifen, dass Diskriminierung und Rassismus ganz sicher nicht durch Gleichstellungs-Worthülsen abgeschafft werden kann.

Die Benachteiligung von Frauen und Kindern ist ebenfalls kein vergangenes Relikt aus früheren Jahrhunderten, sondern wird gerade jetzt in der Corona-Krise in unvorstellbarem Ausmaß bei uns wieder offenbar. 13 Millionen Kinder werden in ihren Bedürfnissen einfach übergangen, Sprache hin, Sprache her. Wer spricht ihre Sprache?


Eine sinnlose Bevormundung setzt Grundrechte und Grundbedürfnisse nach Gutdünken außer Kraft. Oder, wie im Fall der gendergerechten Sprache, in Kraft. Politiker sagen: Wir hier oben wissen, was für euch da unten gut ist. Für all das soll Gender-gerechte Sprache den ultimativen Wandel einläuten? Gleichheit schaffen, wo noch nie eine war? Wohl kaum.


Am Anfang war der Hund…

Bei dem verkrampften Bemühen, das Leben kraft eines neuen Sprachgesetzes fair und übersichtlich zu gestalten, muss ich unwillkürlich an die Hundeverordnung denken. Das Gesetz von 2001, potenziell gefährliche Vierbeiner an die Leine zu nehmen, trat just in Kraft, als faktisch gefährliche männliche Zweibeiner in einem nie gekannten Ausmaß kleine Kinder entführten, missbrauchten und töteten.

Ordnungsbeamte sprangen hinter Büschen hervor und kontrollierten nach In-Kraft-treten der Hundeverordnung, ob die Leine richtig saß. Leider kontrollierten sie nicht, wer hinter den Büschen selbst, in Schwimmbädern, auf Waldwegen, Spielplätzen oder sonst wo unterwegs war.

20 (!!!) Jahre später wurden endlich die immer noch viel zu milden Gesetze für männliche, gefährliche Zweibeiner verschärft.



Deutschland hat die grausige Tendenz, komplett am Thema vorbei zu regieren und möglichst viele Nebenschauplatz-Verordnungen zu erlassen, um das Wesentliche nicht angehen zu müssen. So wie "Schwimmen ja, aber nicht planschen."

Gleichbehandlung sieht anders aus.


O Menschen mit allen Arten von Behinderungen werden diskriminiert, und wenn wir dem Wort Rollstuhlfahrer ein *innen anhängen, ändert das an der Mauer im Kopf exakt null. Davon ist keine echte Gemeinschaft geschaffen; keine verletzende Bemerkung verhindert, keine einzige Rampe gebaut, um den Zugang zu Restaurants, Geschäften oder öffentlichen Verkehrsmitteln zu vereinfachen.

O Menschen mit Zöliakie oder Allergien sind nicht gleichgestellt: Weder gibt es ein spezielles Ausbildungsprogramm in allergie-sensitiven Berufszweigen wie zum Beispiel der Bäckerei, noch wird ein geprüfter Umgang mit Allergenen in Kitas, Schulen oder Restaurants bei der Schulung des Personals vorgeschrieben – nicht einmal in Krankenhäusern.

O Menschen, denen das Schicksal schwere Krankheiten in die Wiege gelegt hat, sind nicht gleichgestellt mit gesunden Empfängern sozialer Hilfen: Sie müssen um jeden Quadratmillimeter Unterstützung bei den Behörden kämpfen und in zeitfressenden Tagebüchern nachweisen, dass bei einer 100-prozentigen Behinderung erhöhter Pflegebedarf besteht.


Alles davon haben wir selbst erlebt – viele von euch sicherlich auch –, und wir erleben es jetzt gerade wieder bei der Vorbereitung auf unseren Mini Rebel. Nicht nur, dass die Briefe und Paragrafen selbst für einen gut ausgebildeten Menschen kaum zu verstehen sind; sie erfordern zusätzliche Anstrengungen, deren ausschließlich bürokratische Perspektive und Wortwahl einen oft zum Weinen bringt.


Es ist so viel leichter, Grammatik und Paragraphen zu ändern als Unmenschlichkeit.

In ihrem entgleisten Bürokratiewahn und in der irrigen Annahme, dem Willen des Volkes zu entsprechen, haben Deutsche zunächst Menschen jüdischer Abstammung gezwungen, all ihr Hab und Gut abzugeben, ihnen dann die mühevolle Auflistung all dieser gestohlenen Besitztümer in Rechnung gestellt und anschließend damit die Enteignung der Geldvermögen gerechtfertigt. Am Ende dieser deutsch-bürokratischen "Aufwandsliste" stand als letzter, ungeheuerliche Posten „Bahnfahrkarte Auschwitz einfach“.

Mit Bürokratie lässt sich so ungefähr alles rechtfertigen. Sie macht uns mundtot und blind für das, worum es als Grundrecht wirklich geht: zu verinnerlichen, dass wir alle gleich sind. Schon immer waren. Und immer sein werden. Ganz ohne gendergerechte Worte.


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