HAPPY NEW 2026!
- Katinka Reichelt
- 1. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 1 Tag

Es ist 5.45. Mein Tag beginnt. Poppy, mein wunderbarer Vizsla, den ich aus Quickborn in die Wüste verfrachtet habe, und Sierra, die ich neugeboren in eben dieser Wüste fand, wollen mit mir eine Runde auf dem Fahrrad drehen. Bevor ich um 6.15 meine Mini Rebels aus dem Bett coache, damit sie rechtzeitig zur Schule kommen. Wo Kinder aus 85 Nationen auf sie warten, die sich alle irgendwie auf Englisch verständigen, jeden Tag ein bisschen besser. Unter Einsatz von Händen, Füßen und sehr viel Lautstärke.
Wenn ich Zeit habe und eine der Nachbar-Mütter die Kids fährt – wir wechseln uns ab –, schwimme ich eine Runde, damit mein dank Zöliakie versteifter Rücken mich nicht ab 14 Uhr anzuschreien beginnt.
Wenn nicht, fahre ich los. 160 km erst durch den Wahnsinnsverkehr von Riyadh, der absolut keine Regeln kennt. Und dann durch die Wüste, 162 km insgesamt. Eine Strecke. Und zurück zu meinen Kiddies noch mal das gleiche. Macht 320 km pro Tag bei sehr unterschiedlichen Verkehrslagen.
Ich drehe die Musik auf, dass die Kamele, die parallel zur vierspurigen Autobahn mit sehr überraschenden U-Turns (!!!) durch die Wüste schreiten, die Köpfe heben. Ich nenne es "Me-Time", vor und nach der Arbeit. Jeden Tag 4 Stunden "Me-Time" auf einer Strecke, die jeden Formel-1-Piloten erbleichen lassen würde. Meine Mutter, eine ansonsten Hardcore-Beifahrerin, begleitet mich (wenn) mit geschlossenen Augen, wenn sie uns besuchen kommt, um nicht dauernd laut zu schreien.
Die jüngsten Food-Tester der Welt
Es sollten eigentlich nur 8 Wochen werden, in denen ich die Mitarbeiter der neuen, glutenfreien Großbäckerei trainieren sollte. Das war vor 16 Monaten. Inmitten von nirgendwo ist die erste glutenfreie Produktion in Saudiarabien entstanden, 15 x so groß, wie unsere kleine Manufaktur in Quickborn, mit 10 x so viel Mitarbeitern, die Sprachen sprechen, von denen ich noch nie gehört habe. Geschweige denn, dass ich sie verstehe.
Dass es im ersten Jahre bei 55°C Außentemperatur keine Air Condition gab, machte die Konzentration nicht leichter. Meine Mini Rebels mussten jedes neue Produkt testen, wodurch sie zumindest die Sprache von "Daumen hoch" oder "Daumen runter" inzwischen perfekt beherrschen. Das musste reichen, bevor die ersten offiziellen Behörden zum Testing kamen.

Wie bei meinem ersten Durchgang in Dubai vor 25 Jahren, entstehen hier Dinge, die ich mir nie hätte vorstellen können. Das Land ist so im Aufbruch wie Dubai 2001, als ich komplett naiv dorthin auswanderte – ohne zu wissen, was ich dort eigentlich wollte.
Mit atemberaubender, wirtschaftlicher Entwicklung, futuristischer Architektur, mit einem der modernsten medizinischen Standards der Welt und dem unbedingten Willen, das Land für die Weltausstellung 2030 und die Fußball-WM danach fit zu machen, soll das Leben dort so unabhängig, so innovativ und so außergewöhnlich wie möglich werden. Auch im Bereich glutenfrei.
DEN NÄCHSTEN SPRUNG WAGEN
Die Zeitrechnung ist eine andere hier, so war es und so blieb es. Ein Jahr nach unserer Ankunft auf der Arabischen Halbinsel, wanderten die ersten fertigen, glutenfreien Produkte frisch verpackt in die Kartons und dann in die Kliniken. Ein Glücksmoment. Noch einmal wieder ganz von vorn anfangen, noch einmal alle Rezepte neu erfinden oder neu anpassen. Noch einmal alles neu ausprobieren in neuen Rührmaschinen, Gärschränken und Backöfen; vollkommen neue Backprogramme schreiben für Öfen, mit denen ich noch nie gearbeitet hatte. Die Glücksmomente nahmen Fahrt auf.
Während die Produktion in Riyadh Schritt für Schritt Formen annahm, wurde es in Deutschland immer klarer, dass wir dort so nicht unbegrenzt weiter backen können. Dass 250g Butter vollkommen willkürlich an einem Tag 99 Cent kosten und eine Woche später (oder früher) 3 Euro.
Wenn ich abends nach meiner "Me-Time" auf der Wüstenautobahn nach Hause kam und die Kinder im Bett lagen, stand als nächstes der Backplan für Quickborn auf dem Programm, damit auch dort alles so nahtlos weiter lief wie überhaupt nur möglich. Während die Rohstoffpreise unaufhörlich stiegen, die Energiekosten, die Lohnkosten, die Sozialbeiträge, der Regulationswahn der deutschen Bürokratie immer neue Blüten trieb.
In der Mitte von "noch nicht zu Ende" und "noch nicht ganz neu angefangen" gab das Leben nur zentimeterweise preis, wie es eventuell mit uns allen weitergehen könnte.
Und nun sind die Würfel gefallen, dorthin, wo mein glutenfreies Abenteuer 2001 seinen Anfang nahm, oder besser gesagt: 2 Stunden weiter Richtung Wüste…







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