• Katinka Reichelt

Von Engeln auf Erden


Im letzten Jahr habe ich Menschen kennengelernt, denen ich ohne unseren kleinen Mini Rebel nie begegnet wäre. Mir tut schon jetzt das Herz weh, wenn ich daran denke, dass sie in den nächsten Wochen wieder aus unserem Leben verschwinden werden. Sie sind wie Wanderengel. Sie ziehen weiter; gehen dorthin, wo sie am dringendsten gebraucht werden.


Bevor sie gehen, will ich von ihnen erzählen.


Google sei Dank stieß meine Mutter gleich zu Beginn meiner Schwangerschaft auf die Alsterhebammen. Und setzte damit ein Rad in Gang, dass ich mir nie hätte erträumen können. So trat Nele in unser Leben. Gefolgt von Inga, Katharina und Nele 2. Sie arbeiten im Team als Beleghebammen im Heidberg Krankenhaus Asklepios Nord. Wenn die Stunde der Geburt schlägt, ist eine von ihnen garantiert da! Und ihr Gesicht ist längst vertraut.


Was "Team" heißt, habe ich erst durch diese Frauen wirklich begriffen. Sie arbeiten wie Staffelläuferinnen: Wenn sie den Stab mitten im Rennen an die jeweils nächste weitergeben, ist jede einzelne von ihnen bis ins letzte Detail über das Ziel informiert. Und das Ziel ist, die werdende Mutter, in diesem Fall mich, durch dick und dünn, in guten und in schlechten Zeiten, wenn alles glatt geht und wenn alles schief läuft, in jedem Fall aber maximal beschützt und geborgen über die Ziellinie zu tragen.



"Schief" war in dieser Schwangerschaft mein zweiter Vorname.

Nele (2. v. r.), der Fels in meiner nicht endenden, wilden Brandung, wich nicht einen Augenblick, bei welcher Untersuchung auch immer, von meiner Seite. Sie wartete am Eingang der Klinik. Sie erklärte, was war und noch kommen konnte, in jedem Detail. Sie trocknete unzählige Tränen. Und wenn sie zu einer Geburt musste, dann stand schon eine der anderen mit offenen Armen vor mir, top informiert, und hielt mir ihre starke Schulter hin.


Die weisen Frauen


Noch vor wenigen Jahrhunderten wurden diese weisen Frauen in unserem ach so aufgeklärten Europa allzu oft als Hexen verbrannt. Sie vertrau(t)en ihrem Instinkt, an dessen Stelle heute in 2D-, 3D- und 4D-Varianten der Ultraschall getreten ist. Sie hör(t)en auf ihre innere Stimme. Sie ahn(t)en Dinge voraus. Also alles insgesamt höchst suspekt im Weltreich der modernen Medizin. Und sie schärften letztendlich damit auch meine Sinne, ermutigten mich, immer wieder nach innen zu horchen und mir selbst zu glauben, wenn mir etwas komisch vorkam.


Ich hatte das ungeheure Glück, dass sowohl Nele, als auch die Ärztin, die Caleb in letzter Sekunde auf die Welt holte, dieser inneren Stimme ebenso und manchmal mehr vertrauten als all den hochmodernen Geräten, die die eigentliche Gefahr nicht kommen sahen. Das hat ihm das Leben gerettet.

Diese Frauen arbeiten zusammen wie ein Orchester, hören sich gegenseitig zu. Sie sprechen sich ab, haben keine Scheu, weitere Helfer*innen zu Rate zu ziehen.

So wie Silke, die im Heidberg Krankenhaus eine der Nestbauerinnen ist… eine ehrenamtliche, ehemalige Kinderintensivschwester, die so ungefähr jede Komplikation gesehen hat, die es unter dieser Sonne gibt. Sie kümmert sich um Kinder mit besonderen Bedürfnissen, so wie Caleb, und um deren Eltern und Familien.

Oder wie Thea, die mit der schier bodenlosen Trickkiste jahrzehntelanger Erfahrung unermüdlich beim Stillen berät, auch wenn Stillen eigentlich unmöglich scheint.


Warum ich das aufschreibe


Ich werde sie alle so sehr vermissen, diese Frauen, nicht nur, weil sie mich durch dieses Jahr getragen haben. Sondern auch, weil sie mir etwas gezeigt haben, das ich auch in meinem/unserem/eurem Leben mit Zöliakie noch viel mehr zum Leben erwecken möchte: dass der eigene Instinkt absolut vertrauenswürdig ist in der Diagnostik und auch in der Lebensführung. Dass man in einer schweren Situation gemeinsam und in Netzwerken so viel mehr sieht und so viel mehr erreichen kann als allein. Dass Erfahrung die Mutter der Gluten-Porzellankiste ist, solange die Testmethoden noch so kompliziert und schwer zu deuten sind – und danach immer noch weiter!

Dass die Mitglieder eines echten Teams immer das gemeinsame Ziel vor Augen haben – und das Ziel ist immer der andere, nicht man selbst. Und dass erst die bedingungslose Hingabe aus einem Beruf eine Berufung macht.