• Katrin Reichelt

Weihnachtsengel


Auf der Suche nach schönen Fotos von Weihnachtsengeln für unseren Adventskalender, in dem lauter wunderbare Überraschungen auf euch warten, stieß ich bei meiner Recherche als erstes auf dieses Foto. Ein junger Titan im Arztgewand: Wie Atlas von Zeus verurteilt, die Säulen von Himmel und Erde auf seinen Schultern zu tragen. Was für ein Bild in dieser Zeit!


Unerbittlich rollt die Corona-Welle durch die Republik. Während wir hofften, wir hätten das Schlimmste hinter uns, zeigt sich nun, dass das Covid-19-Virus nach seinen 7000 Neuinfektionen pro Tag im April (der zu Ostern in den Lockdown führte) nur Anlauf genommen hat. Knapp 19 000 in Deutschland allein heute. Gut 90 000 in den USA. Hinter jeder einzelnen Zahl steht ein Mensch mit einer Familie, mit Kindern, um die sie oder er bangt, mit Eltern, Freunden, einem Arbeitsplatz, einer Existenz, die wohlmöglich bedroht ist.

Alles, was das soziale Leben ausmacht und mit dem wir uns ablenken – Gaststätten, Bars, Restaurants, Hotels, Kulturstätten, Fitnessclubs, Partys, Zusammenkünfte mit Freunden – sind ab Montag tabu. Ratlose Stille kriecht aus jedem Winkel, im Wechsel mit verzweifelt lauten Demonstrationen. Dem Virus ist es anscheinend egal.


Theorie & Praxis


Bei dem, was aktuell geschieht, wage ich (mit Blick auf das Foto oben) kaum, an die kommende Adventszeit zu denken. Unvorstellbar, wie sich die Menschen in den Krankenhäusern fühlen, die mit all ihrer Behandlung, Pflege, Fürsorge, ihren Strategien und unter Einsatz ihres eigenen Lebens (und des Lebens ihrer Familien) noch nicht einmal die erste Corona-Welle verstoffwechselt haben. Beim ersten Mal wussten sie nicht, was auf sie zukommt. Jetzt schon. Ich wette, dass es auf ihren Dienstplänen in diesem Jahr nicht weihnachtet.

Ich wünschte, dass sie, diese HelferInnen, die Reden im Bundestag halten würden, weil sie die Schnittstelle sind zwischen dem theoretisch Denkbaren und dem, was tatsächlich in die Notaufnahmen flutet. Unter ihren Händen leben und sterben nicht Konzepte, sondern echte Menschen. Sie haben keine Zeit, sich zu streiten oder dem anderen ins Wort zu fallen oder es besser zu wissen oder auf facebook zu pöbeln… während in Wirklichkeit einfach niemand weiß, was uns noch bevor steht: eben alles oder auch nichts.


EINFACH MAL NE RUNDE DIENST SCHIEBEN

Während wir zumindest die Chance haben, Kontakte und Risiken zu minimieren – und allein das sprengt schon alles, was jeder von uns je erlebt hat –, sind sie gezwungen, ein ums andere Mal, Stunde für Stunde in die Höhle des Löwen zu gehen. Was, wenn nicht das, ist ein Akt der Nächstenliebe? Vielleicht würde es Corona-Zweiflern und Verschwörungs-Theoretikern gut tun, in der kommenden Weihnachtszeit zumindest mal eine Schicht in ihrem örtlichen Krankenhaus zu übernehmen. Nur, um denen, die mitten im Virenregen stehen, eine kleine Pause zu ermöglichen: um zu atmen, zu fühlen, sich neu zu sammeln. Folgt man der "Alles-aufgebauscht-Logik", ist das ja null gefährlich.

Nur die kleinen Dienste, die jeder kann: Bettwäsche wechseln, putzen, Mahlzeiten bringen, immer für frischen Kaffee sorgen, Wasserbecher, Masken und Händedesinfektion auffüllen, Bettpfannen leeren, Hand halten, Sterbebegleitung, Angehörige anrufen und sie auf den neuesten Stand bringen, gut zureden, erklären, soweit möglich.



Relativ eingesperrt


Wir sind eingesperrt wie nie zuvor in unserem Leben oder dem, was noch davon übrig ist. Und ist das lustig? Ganz sicher nicht. Aber wie mag es sich erst anfühlen, ausgesperrt zu sein – nicht zurück zu können nach solcher oder auch ähnlicher "Erstkontakt"-Arbeit, die Hunderttausende in Deutschland leisten… in seine eigenen vier Wände, in tröstende Arme, an den Familientisch, weil das Risiko für alle, die wir lieben, zu groß wäre? Wenn wir ein permanenter "Erstkontakt" wären, der alle "Zweitkonakte" zu schützen verpflichtet ist? Wenn der Kontakt zwischen Himmel und Erde, zwischen Erde und Himmel tatsächlich abreißen müsste? Wie zerbrechlich kann es noch werden?



Ich gehe zurück an meine Arbeit an meinem sicheren Schreibtisch unterm Dach, zu meiner Familie, die unten auf mich wartet; zum Adventskalender für euch, den wir gerade vorbereiten und über den wir uns freuen wie schon lange nicht mehr. Und ich bin einfach nur dankbar für all das, was wir in all dem Nicht-haben noch haben.


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