• Katinka Reichelt

Nerven wie Feenhaar


Im Moment fühle ich mich, als würde ich im Watt stehen – sehr weit draußen – und die Flut käme von allen Seiten. Nichts ist fest: nicht der Boden unter mir, nicht der Himmel über mir, nicht die rettende Küste.


Wenn ich auf die letzten 8 Monate zurückschaue, dann scheint es, als hätte sich alles, was wir je als Familie an Herausforderungen durchgestanden haben, noch einmal wie in einem Laserstrahl gebündelt. In all dieser Unerbittlichkeit strampelt ein kleines Menschlein in mir, hinter dem mehr Stresswellen liegen, als die meisten in ihrem ganzen Leben erfahren. Der nichts von dem weiß, was noch alles vor ihm liegt. Und der gleichzeitig mehr Gutes anzieht, als ich es mir jemals hab vorstellen können.


Wenn Liebe sich in Gang setzt…


Wir arbeiten uns von Vorsorge zu Vorsorge, und jedes Mal, wenn alle denken, nun muss er wirklich ganz bald geholt werden, überrascht er uns beim nächsten Termin mit neuer, in Grammzahlen kaum messbarer Vitalität. Er hebelt jede Erfahrung und Statistik außer Kraft. Dr. Gbur, die einfach wunderbare Chefärztin am Heidberg Krankenhaus, sagt: "Ich weiß nicht genau, was Sie da machen, aber machen Sie es unbedingt weiter." Wenn ich diese geheimnisvolle Kraft in Flaschen abfüllen könnte, würde ich es tun und sie an euch schicken. Aber ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie nicht ich, sondern er das macht.


Ich wüsste nicht, was ich ohne dieses Team von Hebammen, Geburtshelfern, Chirurgen, Intensivmedizinern, Kinderkrankenschwestern und Nestbauern tun sollte. Ich wusste nicht einmal, dass es ein solches Team gibt. Geschweige denn, dass ich es je brauchen würde. Jetzt und noch sehr, sehr lange nach der Geburt.



Es begann mit Euch: Euren Briefen, Eurer Fürsorge, Eurer Ermutigung. Und als hättet Ihr eine ganz bestimmt Energie in Gang gesetzt, reihen sich immer weitere Perlen auf diese im wahrsten Sinne des Wortes wundersame Schnur.


Die Zeit scheint sich auszudehnen. Während ich sehr viel Zeit damit verbringe, meine Sorgen niederzuringen, und Formulare unterschreibe, auf denen steht, was alles schief gehen kann, bereitet sich Emily mit ihrer Puppe auf den D-Day vor. Sie trägt sie herum wie ein rohes Ei, küsst abwechselnd die Puppe und meinen Bauch und wiederholt gebetsmühlenartig: "Alles duuut, Mama." Sie weiß nicht, dass ihre Nerven genauso blank liegen wie meine. Und warum sie manchmal, ohne scheinbaren Grund, so doll weinen muss.


Wir verlassen das Haus und wissen nicht, wann wir sie wiedersehen: unser Kind, von dem wir noch keinen Tag getrennt waren. Wir kommen wieder zurück und tun so, als sei das so geplant gewesen… um dann wieder erneut zu gehen für einen Zeitraum, den wir noch nicht kennen. Von all dem, was dazwischen liegen wird, ganz zu schweigen.


Manchmal spreche ich mit anderen Müttern. Und wenn sie mir erzählen, was sie erlebt haben, was sie durchgestanden haben oder aktuell gerade durchstehen; wie hauchfein dieser Faden ist, den wir Leben nennen, und wie schnell er zerreißen kann, dann fühle ich, wie dieser bisher größte Schmerz meines Lebens gleichzeitig gehalten wird von so viel Liebe.