"Wir brauchen ein bisschen Geduld", sagt der Captain.
- Katinka Reichelt
- vor 2 Tagen
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Wir sind fast da. Nach 5 Stunden warten am Frankfurter Flughafen (statt 2), nach gähnend leeren Reihen auf einem Flug ins Ungewisse, nach 100 Euro Zusatzzahhlung für 3 kg Übergepäck, damit die "Gewichte richtig verteilt sind", nach "noch 20 Minuten bis zur Landung" kommt die Durchsage:
FLUGHAFEN GESCHLOSSEN…
In dem gähnend leeren Flieger muss ich daran denken, wie ich am 13. September 2001 in das Flugzeug nach Dubai stieg, weil ich erst meinen Bruder davon überzeugen musste, dass er sich nicht vors Taxi legt, um mich am Fliegen zu hindern… zwei Tage nach 9/11. Ich war damals allein in der Maschine, bis auf eine indische Familie. Niemand, absolut niemand wollte in die Richtung. Es ist ein solches Déjà vu, dass ich nicht mal mehr weiß, was ich fühle. Damals flog ich allein. Heute fliege ich +2. Neben mir schlafen meine Kinder nach sehr vielen Filmen, mit denen wir die Wartezeit überbrückt haben.
WELCHE ENTSCHEIDUNG IST DIE RICHTIGE?
Ich hätte in Quickborn bleiben können. Nur, dass das mein neues Business, das ich gerade aufgebaut habe, weil wir eben dank explodierenden Preisen, dem Abriss "unseres Gebäudes" und marodierender Bürokratie NICHT in Quickborn bleiben können, wohlmöglich zerstören könnte. Überall auf der Welt drehen alle am Rad. Handelsströme sind auf einmal abgeschnitten, wärened Zöliakie einfach weiter geht und auch sonst alles auf dieser Welt. Was dann übrig bliebe, wäre ein großes Nichts. Plus: Nicht zu fliegen würde den Kindern ihre Freunde, ihre Schule, das Glück nehmen, an jedem Tag über sich selbst hinauszuwachsen.
Während es in Teheran Öl vom Himmel regnet, in Dubai die Raketen einschlagen, wo wir einst im Mondschein am Strand tanzten, und so viele Drohnen in alle Richtungen geschossen und Bomben geworfen werden, wie die aufgestaute Wut hergibt, geht das Leben einfach unbeeindruckt weiter.
Zwischen "deine Existenz wird gerade zerstört" und "deine Existenz wird gerade zerstört" ist der Spielraum plötzlich sehr, sehr klein geworden.
Niemand kann sagen, was das Richtige ist, obwohl alle genau das zu glauben scheinen. An die Stelle der Gewissheit tritt die Ideologie, gepaart mit purem Überlebenswillen, gepaart mit der täglichen Notwendigkeit, dass die Kinder etwas zu essen und zu trinken brauchen, zur Schule gehen müssen und die Zukunft idealerweise länger gesichert ist als bis zum nächsten Sonnenuntergang.

JONATHAN LIVINGSTON SEAGULL
Ich denke daran, dass Millionen Menschen überall auf der Welt pausenlos eine solche Entscheidung treffen müssen, um die sie, so wie ihr, so wie wir, nie gebeten haben. Wir wissen nicht, wohin uns eine bestimmte Abzweigung im Leben tragen wird. Richard Bach, der Autor von "Die Möve Jonathan", hat ein wunderbares Buch darüber geschrieben: Einssein. In diesem Buch kann er sehen, wohin er gekommen wäre, wenn er sich anders entschieden hätte, als für die jeweilige Abbiegung in seinem Leben, im Guten und im Schlechten. Der Rest von uns muss die Konsequenzen seiner oder ihrer Ahnungslosgkeit selbst tragen.
Meine Mutter hat mir erzählt, dass das absolut einzige Mal, dass sie die Filmmusik von Jonathan Livingston Seagull von Neill Diamond gehört hat, war, als die Wehen einsetzen, die mich in diese Welt befördern sollten. Sie konnte sich nie erklären, warum gerade das. In der Rückschau jedoch ergibt es plötzlich Sinn.
Der Captain verkündet, dass wir im Moment nicht landen können in Riyadh, wir müssen kreisen. Die Stewardess sagt, wie müssten ein bisschen Geduld haben. Gestern wurde die Lufthansa-Maschine schließlich nach Kairo umgeleitet. Bitte, lieber Gott, lass nicht gestern sein, bete ich. Meine Mutter wirft den Flightradar an. Mein Bruder wirft den Flighradar an. Mein Herz wirft den Schnelldurchlauf an. Nach 20 Minuten beginnt der Sinkflug unter 4500m, ein "Point of no return", informiert mich mein Bruder. Meine Kiddies schlafen noch immer, in tiefstem Vertrauen, dass ich weiß, was gut für sie ist und sie immer an die richtige Stelle bringe. Ich kann nur hoffen, dass das tatsächlich so ist.

In unserem neuen Zuhause warten Poppy und Sierra, unser aus der Wüste gerettetes Hundebaby, die mit ihren 10 Monaten inzwischen fast so groß ist wie Poppy selbst. Wir werden uns alle auf dem Boden rum kugeln und erstmal eine Runde vor Glück weinen, dass wir uns alle wieder haben.
Eure Bestellungen kommen im Minutentakt herein, Anrufe, Jubel, Glückstränen. Wir haben mit vielem gerechnet, aber das ist einfach nur überwältigend schön. In Quickborn freuen sich alle, dass sie endlich wieder für euch da sein können. Soulfood. One day at a time.
Danach sehen wir weiter.




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